Train Fever

Von on on Hot Games, 4 More

Train Fever Test

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Wer Ende der 90 Jahre bereits vor dem heimischen PC saß kam meistens um zwei Spiele nicht drumrum. Sid Meier’s Raildraod Tycoon und der Transport Tycoon waren häufig anzutreffen auf den Festplatten von Spielern und so wurde eine ganze Generation von Wirtschaftssimulationen geprägt. Ich persönlich war da leider noch etwas zu jung, um die goldene Ära dieser Art von Spiele zu erleben, aber mit dem Transport Tycoon oder dem Industrie-Giganten habe ich dennoch einige Stunde verbracht.

Mittlerweile scheint dieses Genre komplett in Vergessenheit geraten zu sein, denn die in den letzten 10 Jahren erschienen Titel kann man sicherlich an einer Hand abzählen. Nun aber tritt der Schweizer Entwickler Urban Games an um diesem verloren geglaubten Genre wieder neues Leben einzuhauchen. Ob das gelingt wird der folgende Train Fever Test zeigen.

 

Eisenbahnromantik und dessen Geschichte

Train Fever wurde von einem nur 5-köpfigen Team entwickelt und wurde mittels Crowd-Funding finanziert, wie so viele Titel in der heutigen Zeit.  Es gibt bereits eine sehr treue Fan-Gemeinde rund um das Spiel und auch die Entwickler selbst liefern durchgehend neue Patches und Verbesserungen für das Spiel – löblich! Seit Anfang September ist das Spiel bereits erhältlich.

In Train Fever übernehmt ihr die Rolle des Firmenchefs und müsst eure kleine Firma voran bringen. In der Zeit von 1850 bis 2020 müsst ihr also euer eigenes Imperium aufbauen bestehend aus Zügen, LKW und Straßenbahnen. Aufträge, Kampagnen oder eine Story gibt es nicht. Train Fever ist ein Sandbox Spiel und lässt euch walten und schalten wie ihr es wollt. Ziele muss man sich also selbst setzen und ich persönlich habe das typische „Gamer an die Hand nehmen“ auch gar nicht vermisst.

Vor dem Spielstart muss man aus mehren Optionen die Spielwelt festlegen (welche immer zufallsgeneriert sind). Hierfür stehen unterschiedliche Parameter zur Verfügung: Startjahr (1850, 1900, 1950), die Schwierigkeit des Spiels (Einfach, Mittel, Schwer), die Weltgröße (Klein, Mittel, Groß). Zu guter Letzt könnt ihr noch die Beschaffenheit des Terrains festlegen (Flach, Mittel, Hügelig). Sind diese Parameter gesetzt kann es auch direkt losgehen.

Zu Anfang verfügt man noch über keinerlei Bahnhöfe, Fahrzeuge oder Verbindungen. Nun gilt es erstmal abzustecken, wo man die profitabelste Route erstellen könnte. In der Praxis bedeutet dies die verschiedenen Städte unter die Lupe zu nehmen, denn innerhalb der Städte findet man unterschiedliche Gebäudetypen vor: Wohnhäuser, Freizeit, Geschäftsgebäude und Industriegebäude. Train Fever hat ein nützliches Tool an Bord, mit dessen Hilfe man sich die unterschiedlichen Gebäude farblich hervorheben kann – komfortabel.

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Menüs sind übersichtlich und ermöglichen schnellen Zugang zu diversen Informationen. Das Overlay erinnert stark an Sim City

Was mir im Train Fever Test im Gegensatz zu Sim City auffiel ist die Tatsache, dass tatsächlich jeder einzelne Bewohner simuliert wird und seinen Bedürfnissen nachgeht. Dies bedeutet, dass er zur Arbeit muss, Freizeitangebote und Shopping nutzen will und natürlich wieder irgendwann zurück in die eigene Wohnung fahren möchte. Nun kommt der Knackpunkt des Spiels: erreicht der simulierte Bürger sein Ziel innerhalb von 20 Echtzeitminuten mit dem von euch zur Verfügung gestellten Transportmittel, wird es es wählen. Braucht eurer Transportmittel jedoch länger, wird er lieber auf eigene Faust zum Ziel fahren. Praktisch: Klick man die Stadtbewohner an, erhält man Informationen zu seinem Ziel, wo er arbeitet und wo er wohnt. So kann man sehr gut ableiten, welche Transportverbindungen sich lohnen könnten.

Ist diese Vorarbeit erledigt kommt man endlich zum Kern des Spiels: Die Verbindungen und Linien. Zu Anfang des Spieles stehen einem nur wenige Fahrzeuge zur Verfügung, aber mit der Zeit kommen immer mehr und mehr Fahrzeuge dazu. Angefangen bei Postkutschen und simplen Dampf-Lokomotiven kommen später Straßenbahnen, Elektro- und Hochgeschwindigkeitszüge hinzu. Dabei fällt auf, dass sich die Entwickler viel Mühe bei den Modellen gegeben haben und auch der Sound wirkt passend. Viele bekannte und legendäre Züge sind im Spiel, egal ob aus der Gründerzeit des Schienentransports oder moderne Züge der heutigen Zeit. Fans von Modelleisenbahnen dürfte hier das Herz höher schlagen.

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Was natürlich ebenfalls in keiner WiSim fehlen darf ist ein gewissen Wuselfaktor. Die Straßen sind belebt, später düsen Autos auf den Straßen herum und man sieht überall Menschen. Das wirkt stimmig und man schaut auch den Eisenbahnen gern beim Fahren zu – schön gemacht und durchaus ein wichtiger Aspekt für eine derartige Simulation. Aber leider ist nicht alles schön in Train Fever, denn gerade die Landschaftsumgebung leidet unter schlechten Texturen und wirkt nur wenig abwechslungsreich. Es gibt keinen Tag- und Nachtwechsel und keine unterschiedlichen Jahreszeiten.

Als hässlich kann man sie dennoch nicht bezeichnen.

Der Sound ans sich gehört ebenfalls zu einem der Schwachpunkte des Spiels. Während die Züge spitzenmäßige Klänge von sich geben ist der Rest der Spielwelt leider sehr still. Wirkliche Nebengeräusche gibt es nicht und auch die Städte sind sehr leise. Hier muss Urban Games nachbessern, auch wenn es den eigentlich Spielspaß nicht mindert. Die musikalische Untermalung des Spiels könnte man bestenfalls als durchschnittlich bezeichnen, erinnert sie doch sehr stark an Fahrstuhl- oder Kaufhausmusik. Zumindest verfehlt die Musik das Genre nicht komplett, dennoch ist sie einer der größten Schwachpunkte im Train Fever Test.

Schienen, Linien und das Optimieren in Train Fever

Da wie bereits erwähnt auf der Karte keinerlei Schienen verlegt sind am Anfang fällt diese Aufgabe uns zu. Im Prinzip funktioniert der Schienenbau sehr simpel: einfach per Mausklick den Startpunkt festlegen und dann die Maus bis zum gewünschten Endpunkt ziehen. Funktioniert simpel und ohne Probleme, bietet aber dennoch leider einige Tücken. Gerade wenn man auf hügeligem Terrain baut kommen oftmals seltsame Konstruktionen heraus, da das Spiel automatisch Gelände senkt, hebt oder gar Tunnel und Brücken baut. Versucht man eine sehr lange Strecke mit nur einem Klick zu erstellen wählt das Spiel eine Durchschnitts-Höhe für die Schienen aus – das kann teuer werden. Baut man jedoch nur kleine Strecken Abschnitte wird es billiger und die Strecke an sich wirkt „natürlicher“. Eine Undo-Funktion gibt es nicht für den Schienenbau, allerdings muss man den Bau per Mausklick bestätigen. Dies bewahrt vor ungewollten Bauvorhaben.

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Brücken sehen zwar schick aus, können aber unter Umständen richtig teuer werden.

Was mir im Train Fever Test auffiel und durchaus sehr nervig sein kann das das Bauen eines Bahnhofs auf unebenem Gelände. Bei mir kam es des öfteren vor, dass ich versuchte größere Bahnhöfe an leichten Hängen zu bauen. Wollte ich diesen Bahnhof dann an das Zugnetz verbinden kam die Streckenbau nicht mit dem Höhenunterschied klar. So versenkte ich nicht nur einmal größere Summen ins virtuelle Nirvana, da ich den Bahnhof notgedrungen wieder abreißen musste. Ansonsten funktioniert das System tadellos.

Die nächsten Schwächen kommen aber erst im späteren Verlauf des Spiels. Es gibt keine Option um Doppelgleise zu verlegen – man muss die zweite, parallele Strecke per Hand ziehen. Gerade wenn man im späteren Spielverlauf die Verbindungen optimieren möchte ist das nervig. Auch das Weichen bzw Signalsystem ist schwach umgesetzt.  Möchte man Geld sparen und nicht eine komplette Strecke doppelgleisig ausbauen bietet es sich an ein zweites Ausweichgleis zu erstellen samt Signal – quasi ein Wartegleis, falls ein Zug auf der selben Strecke entgegen kommt. Leider gibt das Spiel keinerlei Informationen darüber, wie die Signale funktionieren und in welche Richtung man sie bauen muss – hier muss unbedingt nachgebessert werden.

Im späteren Spielverlauf kommen auch noch die Elektrozüge ins Spiel, welche eine Oberleitung benötigen. Dies bedeutet, dass man Schienen upgraden muss. Zwar gibt es ein Upgrade Tool, dass vorhandene Schienen modernisiert, jedoch ist auch dies sehr fummelig und teilweise werden gefühlt mikroskopisch kleine Schienenabschnitte dabei nicht verbessert – dadurch bleibt der Zug im Bahnhof stehen und man sucht mit der Lupe nach dem fehlendem Streckenteil. Das sollte man besser lösen können. Selbiges gilt für ein Straßenbahnnetz. Es ist zwar klasse, dass man Straßen ausbauen kann (Pfad, kleine Straße, große Straße und Upgrade zu Straßenbahnschienen-Straße), aber es leidet unter dem selben Problem wie das Upgrade der Oberleitungen. Teilweise werden kleine Abschnitte nicht aufgewertet und die Suche beginnt.

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Es gibt nur weniger Rohstoffe, aber der Fokus des Spiels liegt ohnehin auf der Personenbeförderung

Hat man erstmal die ersten beiden Städte miteinander verbunden benötigt man nur noch ein Depot und muss einen Zug samt Wagons kaufen. Zuvor muss man aber erstmal eine Linie festlegen, auf die das nun gekaufte Transportmittel Personen befördern soll. Dies gelingt sehr einfach über das komfortable Tool – Bahnhöfe nacheinander anklicken und den Zug auswählen, fertig. Und schon dampft die erste Eisenbahn aus dem Schornstein und setzt sich majestätisch in Bewegung. Und genau in diesem Moment greift die größte Stärke des Spiels: der Modelleisenbahn-Effekt. Man fühlt sich ein wenig in die eigene Kindheit zurückversetzt, als man an der Modelleisenbahn des Vaters stand und den kleinen Zügen zusah, wie sie ihre Kreise zogen auf den zumeist kleinen Strecken. Ich habe mich oft dabei erwischt, wie ich oft einfach nur den Zügen beim Fahren zugeschaut habe in Train Fever. Dicker Pluspunkt für das Spiel.

Bei Bussen und Straßenbahnen funktioniert das Prinzip genauso…einfach Linien zuweisen und schon geht die Reise los für die Transportmittel. Straßenbahnen benötigen Schienen auf den Straßen, während die Busse natürlich lediglich eine Straße und eine Bushalte benötigen.

Der Wirtschaftsteil von Train Fever

Natürlich geht es im Spiel nicht nur darum Schienen zu legen und Eisenbahnen zu beobachten. Wer nicht auf den Gewinn achtet wird in Train Fever sehr schnell bankrott  gehen.

Wie eingangs erwähnt muss man also erstmal beobachten, wo die Stadtbewohner eigentlich hinwollen. Alternativ kann man sich auch dem eher begrenztem Güterverkehr widmen. In Train Fever gibt es 4 Rohstoff (Holz, Erz, Kohle und Öl) und ein Endprodukt (Güter). Leider sind diese Hersteller-Ketten nicht sonderlich ausgeprägt und gehen auch nicht in die Tiefe, deswegen lassen sich hierdurch schnell profitable Routen erstellen. Meistens verbindet man einfach nur zwei herstellende Betriebe miteinander und bringt die daraus hergestellten Güter in die nächste oder gewünschte Stadt. Etwas mehr Tiefgang hätte ich mir gewünscht. Immerhin: werden Städte ausreichend mit Personentransport und Gütern versorgt wachsen sie mit der Stadt. Es macht Spaß zu sehen, dass die Städte auf der Karte immer größer und größer werden.

Der Fokus des Spiels liegt aber definitiv auf dem Personennahverkehr, egal ob auf Schiene oder Straße. Mit zunehmender Spieldauer veralten die Züge und müssen ersetzt werden, andernfalls übersteigen die Betriebskosten die Einnahmen nach einer Weile. Dies stellt eine Herausforderung dar und ist ein Freudenfest für Tüftler. Kombiniert man irgendwann erfolgreich 3 unterschiedliche Linien in eine einzige ist die Freude groß und in solchen Momenten macht Train Fever einen tierischen Spaß.

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Städte wachsen von alleine mit, wenn sie gut angebunden sind an Güter und Personennahverkehr. Sehr motivierend!

Mit Hilfe zahlreicher gut strukturierter Menüs und Fenster kann erhält man stets gutes Feedback über den derzeitigen Stand der Dinge. Auch Fahrzeuge lassen sich leicht finden über praktische Fenster und ähnliche Funktionen.

Im späteren Spielverlauf stellen Autos eine immer größere Konkurrenz dar für das eigene Transportunternehmen, da gerade im 21. Jahrhundert gefühlt mehr Autos als Einwohner unterwegs sind wird es schwierig die Stadtbewohner vom Zugverkehr zu überzeugen. Hier muss wieder Hand angelegt werden und optimiert werden, da einem ansonsten die Passagiere davon laufen bzw. davon fahren mit ihren eigenen Autos.

Neben dem privaten Personennahverkehr stellt das Train Fever den Spieler aber leider auch noch vor eine andere Herausforderung: nach einigen Stunden Spielzeit und einigen angewachsenen Städten samt Autos geht die Performance des Spiels rapide den Bach runter. Es kommt selbst auf starken Rechnern zu Rucklern und teilweise Standbildern. Man muss hier wohl oder übel ein Auge zudrücken.

Fazit zu Train Fever

Ich habe nun einige Stunden mit dem Train Fever Test vebracht. Wie ich bereits eingangs erwähnt habe ging das Zeitalter der WiSim gerade vorüber, als ich mich mit Computerspielen wirklich auseinander setzte. Aber Train Fever hat mich direkt von Anfang an gepackt. Schienen bauen, Züge beobachten, das Transportnetzwerk optimieren und vergrößern. Es fühlt sich jedes mal wie ein Sieg in Olympia an, wenn man die nächsten Städte miteinander verknüpft hat und die Züge losrollen. Und es greift sofort dieses alte Civilization-Prinzip: nur noch eine Stadt anschließen – und schon sind wieder 1 oder 2 Stunden vergangen.

Sicherlich ist das Erstlingswerk von Urban Games alles andere als fehlerfrei. Die Umgebung hätte mehr Details bieten können, genauso die Sounds. Auch lässt einem das Spiel an manchen Stellen einfach hilflos zurück, da manche Funktionen nicht erklärt werden oder nicht intuitiv genug sind. Die mangelhafte Performance im späteren Spielverlauf kann auch nervtötend sein, abhängig vom eigenen System.

Dem gegenüber stehen aber viele positive Aspekte. Zahlreiche wunderschön animierte und modellierte Züge mit tollem Sound, hoher Wuselfaktor in den Städten, die größtenteils simple und komfortable Steuerung, viele übersichtliche und informationsreiche Menüs. Ich habe viel Spaß mit Train Fever gehabt über mehrere Stunden und ich denke, dass das Spiel ein Freudenfest für Eisenbahnfans und WiSim Anhänger ist. Bedenkt man den niedrigen Preis von unter 30 Euro (teilweise bereits um die 20 Euro erhältlich) ist Train Fever jeden Cent wert.

Ich hoffe Urban Games werden einen Nachfolger entwickeln, denn dieses Spiel hat verdammt viel Potential und könnte ein verloren geglaubtes Genre wieder aus der Versenkung heben.

Train Fever

The Good

  • Viele detailreiche und bekannte Züge
  • Prima Modellbahn-Flair
  • Jeder Stadtbewohner einzeln berechnet und geht Bedürfnissen nach
  • Komfortable Bedienung und motivierendes Spielprinzip

The Bad

  • Kaum Abwechslung bei der Landschaft (keine Jahreszeiten, immer das selbe Setting)
  • Performance teilweise mangelhaft
  • überschaubare Anzahl an Produktionsketten
83%

Geschrieben von : Sebastian

29 Jahre alt mit großer Leidenschaft für Videospiele, gebürtiger Mittelhesse und Träumer. Fan von virtuellen Abenteuern seit frühster Kindheit und unverbesserlicher Optimist.Wer etwas will, findet Wege! Wer etwas nicht will findet Gründe!Fragen? Anregungen? Sonstiges? Kontakt: redaktion@karasugames.de

3 Kommentare vorhanden

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  1. Andreas Rabe 2. Oktober 2014 | Antworten

    Früher hat man sich eine Modelleisenbahn in den Keller gestellt 😉

  2. Bucky 7. Oktober 2014 | Antworten

    Ich freue mich über jedes neue spiel dieser art da ich schon als kleiner Bucky immer spass an solche spielen hatte. ich kann mich noch gut erinnern wie ich meine Zeit mit diversen Tycoon-Games verzockt habe 🙂 selbst als ich noch 6 oder 7 war habe ich oft Lego Freizeitpark und so was gezockt, während andere lego star wars spielten XD

  3. Sebastian 7. Oktober 2014 | Antworten

    Lego Star Wars ist zwar auch ganz witzig, aber die WiSims bieten halt dann doch viel mehr Langzeitmotiviation. Ich glaube du solltest dir Train Fever dann wirklich mal irgendwann anschauen

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